Über das Kollektiv TILT
Das Künstlerinnen-Kollektiv TILT hat sich mit der Idee zusammengefunden, eine Reihe performativer Bewegungsmöglichkeiten zu schaffen, die nur mithilfe von Prothetik möglich sind. Im Gegensatz zu medizinisch-orthopädischen Prothesen, dienen die für die Performance zu entwickelnden Körpererweiterungen der Schaffung von neuen, nicht normativen Ausdrucksmöglichkeiten. Der Name “TILT“ steht einerseits für das Umkippen in einen plötzlichen, kurzzeitigen Stillstand eines Systems, dies kann sich auf das menschliche Nervensystem genauso wie auf Spielautomaten beziehen, andererseits auf den Kippmoment in dem das Objekt, der Körper kippt, bricht oder fällt. „Kippen“ deutet also auf eine Imbalance, eine Objektautonomie und einen Perspektivenwechsel hin. Uns motivieren die sensorischen Erfahrungen durch technische Interventionen und die Autonomie, die durch die performative Transformation des eigenen Körpers entsteht. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Limitierungen und den Aktionsradien des menschlichen Körpers wird befördert. Die Gesellschaft produziert fortwährend ideale Körperparadigmen, nimmt bestimmte Grenzen des Körpers als natürlich wahr und stuft andere als Behinderung ein. Wir wollen diese allgemeine Auffassung durch ein “disable – enable – highly-able – game” performativ herausfordern.
Die Choreographien von TILT beruhen auf den körperlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen von Tamara Rettenmund, die ihre Tanz- und Performancekarriere trotz physischen Herausforderungen wie Multiple Sklerose und unfallbedingten, körperlichen Einschränkungen weitergeführt hat. Bei TILT ist sie diejenige, die die Aufführung choreographiert und durchführt. Sie hat Abschlüsse in darstellender Kunst und Tanz. Seit 1998 konzipiert und inszeniert sie Tanz- und Theaterstücke sowie theatrale Interventionen. Die Konzepte schreibt Türe Zeybek. Sie recherchiert auch die technischen Möglichkeiten der Körpererweiterungen, entwickelt und wendet sie an. Sie übernimmt die Verantwortung für das Material und die Funktionalität der Prothesen, mit denen Tamara Rettenmund tanzt. Nach Abschlüssen in bildender Kunst hat Türe Zeybek ihr Leben unter anderem auch der Szenographie, Bildhauerei und Keramik gewidmet. Die beiden Künstlerinnen haben das Master-Studium zusammen abgeschlossen und kennen einander seit 2010.